Das Aphoristisches Manifest – Was den Aphorismus auszeichnet. Jürgen Wilbert

Veröffentlicht am 6. März 2025 um 08:33

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Das Aphoristisches Manifest – Was den Aphorismus auszeichnet.

Jürgen Wilbert

Vorbemerkung

Diese Grundsatzerklärung halten wir vom Vorstand des Deutschen Aphorismus-Archivs (kurz DAphA) nach unseren Erfahrungen mit inzwischen acht Schreibwettbewerben und der Sichtung von Zusendungen an unser Archiv in Hattingen für erforderlich und hilfreich. Überraschend viele Einsendungen erfüllen die  inhaltlichen und formalen Mindestanforderungen an einen Aphorismus nicht. Insofern kommen wir zu dem aphoristischen Schluss: Das inflationäre Klopfen von Sprüchen lässt den Aphorismus verstummen. (JW) Wir verstehen dieses Manifest nicht als unverrückbar und apodiktisch, sondern als Diskussionsgrundlage – und freuen uns über kritische Anmerkungen und Anregungen.

Bausteine einer Begriffsbestimmung

Als erste Annäherung kümmern wir uns um eine Begriffsbestimmung.  Die Bezeichnung „Aphorismus“ geht begriffsgeschichtlich zurück auf die Bedeutung des griechischen Stammwortes aphorizein (= definieren, abgrenzen, auf den Punkt bringen). Nach Friedemann Spicker ist ein Aphorismus die „bis auf Satz und Einzelwort verknappte literarische Prosaform“, er ist „kontextuell isoliert“ und „im Grundsatz nichtfiktional, oft rhetorisch oder metaphorisch markant“. Er ist zudem „im Grenzgebiet von Wissenschaft, Philosophie und Literatur in besonderem Maße auf die kritische Weiterarbeit des Lesers / der Leserin angewiesen.“ Laut Gerwin Marahrens  ist ein Aphorismus  „die komprimierte, pointierte und polar gespannte Formulierung eines subjektiven, in sich selbstständigen, über sich hinausweisenden Gedankens in aussparend darstellender Kunstprosa.“ (vgl. den Leitfaden „Aphoristisches Schreiben, Düsseldorf 2021, S. 21 ff.) Kurzum: Ein gelungener Aphorismus ist nicht nur Kurz-, sondern auch Kunstprosa.

Die KI (ChatGPT) kommt übrigens zu diesem Ergebnis: „Ein Aphorismus ist eine sehr kurze, oft tiefgründige Aussage, die einen Gedanken, eine Idee auf den Punkt bringt.“Treffenderweise ist dort auch von „Kunst-Prosa“ die Rede; das bedeutet, dass eine Satz mit metaphorischen und /oder rhetorischen Stilmitteln arbeitet. Im Folgenden werden wir genauer auf einzelne Aspekte dieser Definitionen eingehen und sie als grundlegende Merkmale, Kennzeichen aufgliedern sowie jeweils anhand einzelner Textbeispiele erläutern. Selbstverständlich muss ein Aphorismus nicht sämtliche Charakteristika umfassen, einige von ihnen sollten jedoch enthalten sein. Von den jeweiligen Merkmalen hängt es jedenfalls ab, ob es sich beispielsweise um einen eher wortspielerischen, einen gesellschaftkritischen oder philosophischen Aphorismus handelt.  

  • Der Aphorismus ist ungereimt, zählt also zur Prosa; gereimt ist hingegen eine andere, verwandte  literarische Kurzgattung, das Epigramm. Beispiele: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. (Erich Kästner) /  Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen. (Johann W. Goethe) Und: Ein einzig böses Weib lebt höchstens in der Welt: Nur schlimm, dass jeder seins für dieses einz´ge hält. (Gotthold Ephraim Lessing) Dieses Merkmal ist wesentlich und maßgeblich für den Aphorismus.

 

  • Der Aphorismus ist textlich isoliert (also ohne Kontext), steht quasi für sich allein; aphoristisch ausgedrückt: Familienstand des Aphorismus: ledig. (JW) Dennoch findet man in vielen Aphorismen-Sammlungen Zitate, die anderen Texten entnommen sind, zum Beispiel aus dem Talmud:  Ein Wort gleicht der Biene, es hat Honig und Stachel. Oder von Shakespeare (aus seinem Drama „Richard II, 2. Akt): Wo Worte selten, haben sie Gewicht.

 

  • Der Aphorismus ist auf wenige Worte reduziert, ist folglich prägnant, lakonisch, stellt m.a.W. verknappte Prosa dar; bisweilen umfasst er nicht einmal einen vollständigen Satz. Vergleiche die Scheindefinition von Stanislaw Jerzy Lec: Politik: Derby trojanischer Pferde. Es gibt auch Ein-Wort-Aphorismen, man nehme etwa Georg ChristophLichtenbergs Amengesicht -  oder neuere Beispiele: Heiligenscheingefechte oder Rückgratwanderung. (Rudolf Kamp)

 

  • Der Aphorismus vermittelt mitunter Lebensweisheiten: Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden. (Jonathan Swift) Im Unterschied zum Sprichwort ist jedoch der Verfasser / die Verfasserin bekannt. Nicht selten passiert es jedoch, dass ein Aphorismus zum Geflügelten Wort  oder Sprichwort wird, wenn es durch häufigen Gebrauch sozusagen zu einem Allgemeinplatz geworden ist, wie zum Beispiel „gegen den Strom schwimmen“. Weit verbreitet ist bei Aphoristikern der Hang dazu, Sprichworte und Redensarten kreativ abzuwandeln. Man beachte hier die zahlreichen Publikationen von Wolfgang Mieder. (Siehe die Literaturhinweise am Ende.)

 

  • Der Aphorismus ist eigensinnig, mitunter originell oder gar innovativ. Zwei aktuelle Textbeispiele aus dem Wettbewerb 2025 zum Leitthema „Aufbrüche – Umbrüche“: Ohne Umbruch bleibt man ein Einzeiler. (Knut Goebel) / Mit etwas Schwung kann aus einem wunden Punkt ein Komma werden. (Antonia Prasser) Oder als klassisches, rätselhaftes Beispiel: Ein Käfig ging einen Vogel suchen. (Franz Kafka)

 

  • Der Aphorismus ist scharfsinnig, bissig und nicht zuletzt auch provokativ; er legt in seiner subjektiven Beurteilung keinen Wert auf objektive Vergewisserung bzw. Absicherung; sie beanspruchen dabei nichts weniger als Allgemeingültigkeit. Als Beleg diesen schon klassisch zu nennenden Aphorismus von Marie von Ebner-Eschenbach: Eine Frau hat Millionen geborener Feinde: alle dummen Männer. Oder von Karl Kraus: Deutschland: das Volk der Richter und Henker. Und ein aktuelles Beispiel aus dem Aphorismen-Wettbewerb 2025: Der Plural von Aufbruch lautet Massenflucht.  (Bülent Kacan) Schließlich noch eine wortwitzige Definition des  Aphorismus von Ulf Annel: Aphorismen sind bissig, wie alles, was kurz angebunden ist.

 

  • Der Aphorismus ist zudem in vielen Fällen selbstreflexiv und kritisch. Er stellt dann menschliche und gesellschaftliche Eigenschaften und Verhaltensweisen in Frage und fordert die Leser/innen zu einer kritischen Auseinandersetzung auch mit den eigenen Überzeugungen, Wahrnehmungen auf. Prägend für die Gattung waren hier in erster Linie die Französischen Moralisten: Wir sind so gewohnt, uns vor anderen zu verstellen, dass wir uns am Ende vor uns selbst verstellen. (Francois de La Rochefoucauld) / Man sieht Männer die höchste Gunst durch dieselben Fehler verlieren, die ihnen dazu verholfen hatten. (Jean de La Bruyère) Und zum Thema „Politik“: Wohl dem Politiker, der auf die schweigende Mehrheit hört. (Wolfgang Eschker)

 

  • Der Aphorismus arbeitet häufig mit Widersprüchen, ist nicht selten paradox. Wer sich widerspricht, hat mehr Logik im Kopf. (Hans Kasper) Und erneut von Marie von Ebner-Eschenbach: Der einfachste Mensch ist ein sehr kompliziertes Wesen. Oder von Friedrich Nietzsche: Der beste Autor wird der sein, welcher sich schämt, Schriftsteller zu werden. Zuletzt ein Textbeispiel aus der Gegenwart: Als er erreichte, was er wollte, war es nicht mehr, was er wollte. (Friedemann Spicker)

 

  • Der Aphorismus zeichnet sich aus durch seine Bildsprache, er verwendet oft Metaphern (Sinnbilder) und Symbole: Der Aphorismus ist das Fass im Tropfen. (Elazar Benyoetz) Vom Satiriker Gabriel Laub stammt diese aphoristische Definition: Aphorismen - Gedankensplitter, die ins Auge gehen. / Aphorismen sind Stolpersteine für landläufige Meinungen.(JW)

 

  • Der Aphorismus ist nicht nur geistreich und zugespitzt, er kann auch humorvoll sein; er zeichnet sich durch seinen Wortwitz aus und endet oft mit einer Pointe. Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie. (Stanislaw Jerzy Lec) Doch hinter dem Aphorismus lauern auch immer der Kalauer und das Bonmot, und so mancher gut gemeinte Satz endet als platter Witz bzw. reine Blödelei; die Grenzen zwischen lustig und lächerlich sind schließlich  fließend, man vergleiche den Satz von Beat Rink: Wer weiß denn, ob Leisetreter nicht wunde Füße haben?   Oder: Kochen konnte sie nicht, aber Geld verbraten. (Klaus D. Koch) Übrigens, um nicht missverstanden zu werden, nichts gegen gute Witze, Kalauer und Bonmots, es kommt halt auf die Intention und die passende Bezeichnung an. Als „Geburtsstadt“ des Kalauers gilt übrigens Calau (Niederlausitz), deshalb  hier noch der Kalauer des Monats November 2024 auf der Homepage der Stadt Calau: Treffen sich zwei Kerzen. Sagt die eine: „Gehen wir heute aus?“

 

  • Der Aphorismus ist in besonderem Maße auf das Weiterdenken der Lesenden angewiesen. Denn er arbeitet häufig mit Über- oder Untertreibung und bleibt oft fragmentarisch, arbeitet also mit dem Stilmittel des Weglassens (der Ellipse). Insofern gilt: Aphorismen schließen nicht ab, sondern auf. (Hugo Ernst Käufer) Und: Im Aphorismus ist der Gedanke nicht zu Hause, sondern auf dem Sprung. (Helmut Arntzen)

                                                                                                                                                                   

Fazit

Selbst bei Beachtung dieser Maßstäbe und Verwendung noch so vieler rhetorischer Stilmittel (z.B. Antithese, Chiasmus, Ellipse, Paradoxon, Neologismus, Ambiguität, Ironie) – es muss noch etwas Wesentliches hinzukommen, um aus einem mehr oder minder gut formulierten oder auch konstruierten (Sinn-)Spruch  nicht nur einen überzeugenden, sondern auch zündenden  Aphorismus zu machen, der durch die Wahl der Worte und den Satzbau eine besondere, auch rhythmische Ausdruckskraft entfaltet:  dazu bedarf es eines gelungenen Zusammenspiels von gedanklich-inhaltlicher und sprachlich-stilistischer Pointierung. Darüber hinaus  braucht es neben sprachlicher Versiertheit eine bestimmte Geisteshaltung oder Grundeinstellung, die Hans Margolius so umschreibt: Der Aphorismus ist Bekenntnis persönlicher Erfahrung und philosophischer Besinnung zugleich – Leben und Gedanke in einem.

               (Der Verfasser dankt Friedemann Spicker und Rudolf Kamp für ihre Hinweise und Anregungen.)

 

Literaturhinweise

Alexander Eilers und Tobias Grüterich (Hrsg.): Neue deutsche Aphorismen, überarb. Neuauflage Dresden: edition AZUR 2014

 

Wolfgang Mieder (Hrsg.): „In der Kürze liegt die Würze.“ Sprichwörtliches und Spruchhaftes

als Basis für Aphoristisches, Burlington: University of Vermont 2002

 

Friedemann Spicker & Jürgen Wilbert: Aphoristisches Schreiben – Leitfaden mit kreativen Übungen, Düsseldorf: Edition Virgines 2021

 

Friedemann Spicker & Jürgen Wilbert (Hrsg.): Der Aphorismus in Europa, Düsseldorf: Edition Virgines 2021

 

Friedemann Spicker & Jürgen Wilbert (Hrsg.): Deutsche Aphoristik der Gegenwart. Eine aktuelle Bestandsaufnahme, Düsseldorf: Edition Virgines 2023

 

Friedemann Spicker & Jürgen Wilbert (Hrsg.): „Aufbrüche – Umbrüche“- Anthologie zum Aphorismenwettbewerb 2025, Düsseldorf: Edition Virgines (erscheint im April 2025)

                                                                                                                               


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